82 Angebote für Wohnungen zum Kauf

Ich erlaube mir mal 82 Wohnungen in meiner unmittelbaren Nachbarschaft abzugrasen per Online-Suche. Mich interessiert, was kosten die, was ist ganz besonders, was ulkig und vor allem, was schreiben die überwiegend jung-dynamischen Verkäufer dem Neuberliner empfehlend ins Stammbuch:

Wi wäre es mit einer Zweizimmer-Wohnung am Chamissoplatz (120.000 Euro). Schöne Lage, Altbau, klassische Fassade und: „Der Charme des Wohnviertels begeistert immer wieder die Berliner und ihre Besucher. Zum Wohl fühlen gibt es viele nette Cafés, Läden, Galerien, Basare und internationale Restaurants und Imbisse. Sie wohnen ruhig, die quirlige Bergmannstraße befindet sich zwei Straßenzüge entfernt.“

Hm. Internationale Restaurants, nette Cafes, gar Galerien. Vom Wochenmarkt steht da aber nichts. Und vom Spielplatz auch nichts – schließlich empfiehlt der Verkäufer doch die Wohnung als spätere Altersvorsorge, wer weiß ob dann da noch Kinder spielen. Nur gut, dass die quirlige Bergmannstrasse ganze zwei Strassenzüge entfernt ist.

Gut, wie wäre es mit nur mit einem Zimmerchen (36 m²) für gute 60.000 Euro. Nicht groß – aber Altbau eben, und zwar für Neuberliner, die Kreuzberg ohne den 1. Mai wollen: „es gibt auch einen Ort, der Berlins soziokulturelle Vielfalt friedlich vereint: der Bergmannkiez. Dreh- und Angelpunkt dieses fast schon mediterranen Viertels ist die Bergmannstraße, die sich quer durchs eher beschauliche Kreuzberg 61 erstreckt. Ein lauschiges Café reiht sich hier an das nächste, was diesen Kiez zu einer der Top-Frühstücksadressen in Berlin macht.“

Gut, frühstücken kann man hier – aber was bitte ist denn soziokulturelle Vielfalt? Etwa, dass der Vietnam-Imbiss vor dem griechischen Gyroscontainer in friedlicher Kunden-Koexistenz lauschig lebt? Und ist mediterran ein Kompliment oder eher als vertrauensvoller zwischen-den-Zeilen-Hinweis zu verstehen, sich nicht zu sehr über Tempo 50-Autofahrer, die Radlern mit Bassanlage um 24 Uhr hinterherhupen zu ärgern. Mal ganz abgesehen davon, dass ich mir schon wünsche, dass die Müllmänner, die jeden zweiten Tag kommen, auch mal singen könnten…

Die 150 Quadratmeter große Wohnung (410.000 Euro) in der Schleiermacher fiel mir nun auf, weil sie innen besonders biedermeierlich museal kombiniert wurde mit dem gepflegten 80er Jahre-Stil mit goldenen Wasserhahn-Applikationen. Selbstverständlich ist auf den Fotos das Tafelsilber in der Küche und die 25-Liter-Porzellan-Suppenterrine mit Goldrand im Esszimmer zu sehen. Noch selbstverständlicher wird em Käufer empfohlen, dass zwar die U-Bahn vor der Haustüre fahren. Aber die Wohnung sei: „15 Autominuten entfernt vom Flughafen Tegel, 20 Autominuten entfernt vom Flughafen Schönefeld; Ku’damm und Friedrichstrasse 5 Autominuten entfernt.“ Diese Zeitangaben erinnern mich irgendwie an mein altes Navi, das mir diese Fahrzeiten nur dann zusichert, wenn ich konstant Tempo 150 fahre und alle Ampeln, Staus und Fensterputzer missachte. Da gehe ich jede Wette ein, wer normal fährt, schafft es in diesen Zeiten höchstens zum Leopoldplatz, nach Rudow und zum Bäcker um die Ecke, von denen es ja doch eine Reihe im Kiez gibt. Aber die Verkehrsanbindung ist schon ein gewichtiges Argument für die eigene Person: „Infrastrukturell sind Sie durch die U-Bahnlinie 7 sowie verschiedene Buslinien perfekt angeschlossen.“ (79.000 Euro)

Doch es gibt nicht nur Läden im Kiez, die zum Hierwohnen reizen und potenzielle Käuferinnen und Käufer locken sollen: „Interessante Sport- und Freizeitangebote findet man z.B. der Hasenheide, die mit zahlreichen Grünflächen zum Spazieren einlädt.“ Ob Gassi gehen dazu zählt oder Wegrennen vor wem auch immer? Vielleicht ist mit interessant auch das in die Büsche springen vor versehentlich landenden Flugzeugen auf geschlossenen Flughäfen gemeint.

Gut gefallen hat mir diese Komposition, die durchaus dem Bezirk noch etwas Entwicklungspotenzial zugesteht: „Der Bezirk Kreuzberg hat sich in den letzten Jahren rasant zu einem der begehrtesten Wohnkieze mit einem perfekten Mix internationalen Publikums entwickelt.“ Isset nicht schön. Ein perfekter Mix, schwuppdiwupp ist alles da und det wird noch. Nur koofen müssen se noch – im Bergmannkiez!

Es gibt aber noch Anbieter, die sich geradezu neutral und sehr sachlich zur Lage der Wohnung äußern: „Die Riemannstraße verläuft direkt parallel zur Bergmannstraße. Im Kiez finden Sie zahlreiche Szene Lokale, Restaurants und Läden.“ Punkt.

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