Nein: Nicht gegen die Touristen

Weil es in den letzten Tagen immer so schön hieß: „Kampf gegen die Touristen“ (Spiegel Online). Es geht nicht um Kampf und auch nicht gegen die Touristen. Es geht um eine vernünftige, angemessene Tourismus- und Stadtpolitik – und die gibt es eben nicht. Genommen wird, was kommt. Die Frage der Stadtpolitik ist daher nicht: wie und in welchem Maß, sondern was bringt es der Stadt und dem Finanzloch?

Berlin war und ist immer Großstadt gewesen und daher Ziel von Zureisenden und Leuten, die dann eben auch mal länger bleiben – davon zeugen zahlreiche Reisenovellen, Filme und andere literarische Zeugnisse. Schön und gut: Berlin ist eine Reise wert.

Aber: Die Stadt sollte sich aber darum kümmern, dass nicht in jedem Miethaus plötzlich auf jeder Etage Ferienwohnungen entstehen. Einerseits verknappt das günstigen Wohnraum, zumal es sich eher um Ein- bis Zweizimmerwohnungen handelt, andererseits steigert es die Anonymität in den Häusern – und Partys jedes Wochenende von irgendwem geht eben nicht.

Dass es jetzt so kippt, liegt zwar auch an den Touristen aber auch daran, dass viele erkannt haben: da steckt locker Geld. Nehmen wir die Bergmannstraße: seit einigen Jahren gibt es drastische Umbrüche in fast allen Läden. Letztes Jahr gab es beispielsweise eine krasse Politur – alles, was Charme hatte: Zackbumm –> Container. Jetzt sind einige Läden hell, schick, schön aber auch verwechselbarer geworden. Oder: nehmen wir die Cafes. Ein Cappucino kostete hier im Schnitt 2 Euro im letzten Jahr – mittlerweile sind es 2,50 Euro (und mich wundert schon, dass ich kürzlich in der Kleinen Hamburger Straße weniger dafür bezahlt habe).

Egal wie: die Stadt sollte beides im Blick haben und steuern: die Touristenströme und die Anwohner, die Kieze eben. Vielfach gäbe es kein  ‚Gegeneinander‘, wenn es eine aktivere Politik oder Infogestaltung geben würde. Oder warum müssen sich inzwischen Doppeldeckerbusse durch die Bergmannstrasse quälen, vorbei an Rädern, Einkaufenden, Schlendernden, obwohl es zwei sehr nahe U-Bahnstationen gibt? Warum gibt es keinen lokalen Touristen-Manager, der für Reiseunternehmen Auskünfte erteilt? Warum gibt es dieses Chaos bei der S-Bahn und einen Touristinfochef der da sagt, ach, ob die S-Bahn kommt oder nicht interessiert keinen einzigen Touristen? Warum gibt es keine bessere Steuerung über die Infozentralen, die mittlerweile fast alles machen müssen (selbst Berlinale-Tickets verkaufen) und kaum mehr Zeit haben zum Informieren geschweige denn zum Beraten? Weil es der Landesregierung schnuppe ist und Berlin MOMENTAN läuft auch ohne irgendwelche Zutaten. Passt aber auf, New York war auch immer ein Selbstläufer bis die 90er Jahre kamen, die Infrastruktur verrottet endlich war, die Straßenkriminalität sehr hoch und der Tourismus in einen steilen Sinkflug ging.

Berlin ist noch weit von NYer Zuständen entfernt, aber nur weil die Stadt arm und daher Noch günstig ist, bedeutet das nicht, sich aufs Altenteil zurückzuziehen, Herr Wowereit und Kolleginnen & Kollegen. Wo bleibt die Stadtvision?

Nachtrag: www.wemgehoertkreuzberg.de

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