Kein Platz für Kitakinder in Berlin?

Es ist gute 15 Jahre her, da kam ich aus dem U-Bahnhof Osloer Straße an einer Demo vorbei, auf der sehr laut skandiert wurde: „Schaut auf diese Stadt, die kein Geld für ihre Kinder hat!“ Dieser Satz in Anspielung an den großen Satz von Ernst Reuter vor dem zerstörten Reichstag hat sich mir ziemlich eingeprägt. Auch persönlich, weil meine Mutter jahrelang Kita-Einrichtungen in der Stadt geleitet hat. Über sie erfuhr ich rehct früh, was für ein Chaos das Land absehbar anrichten würde. Die Rede war von Schließungen, weil Pillenknick und Wegzüge von Familien sowie Zuzüge von Singles ganze Quartiere beinahe über Nacht dramatisch in ihrer Sozialstruktur änderten. Ich konnte erleben, wie Einrichtungen in den Bezirken Friedrichshain-Kreuzberg kurzfristig renoviert wurden um dann geschlossen zu werden. Ich konnte erleben, wie relativ neues Inventar an Kinderläden und andere abgegeben wurde. Für viele andere Sachen kam die intern genannte ‚Knacke‘, die Müllpresse.

Neulich unterhielt ich mich mit einer Kollegin, die derzeit händeringend nach einem Kitaplatz für ihre kleine Tochter sucht. Sie ist, weil noch zu Hause, zu jeder Einrichtung hier im Umkreis gegangen. Überall das gleiche Bild: Wartelisten, längere Wartelisten und immer die gleiche Aussage: alles dicht. Teilweise steht sie nun auch auf mehreren Wartelisten, sie will aber – im Gegensatz zu vielen anderen – sich von dort auch wieder abmelden, wenn sie einen Platz gefunden hat. Der Bergmannkiez – wie familienfreundlich ist der eigentlich noch? Was bedeutet es, wenn Investoren Familien keine Entschädigung bei Totalsanierungen zahlen, weil die Argumentation sowieso lautet: die ziehen aus diesem Kiez eh weg (so auf dem Salon Undine berichtet). Wieso ging eigentlich die Landespolitik davon aus, dass sich die Bevölkerungsstruktur anders entwickeln würde – oder anders: warum wurde nicht auf die Einführungd es Elterngeldes reagiert.

Gestern Abend nun war ich bei einer Fachrunde im Berliner Abgeordnetenhaus, eingeladen hatte die CDU-Fraktion, die Grüne Fraktion war ebenfalls dabei. Anwesend waren sehr viele Erzieherinnen aller ich sag mal Betreiber von Kindergärten und Kitas. Die drei Probleme kanpp zusammengefasst: Geldmangel, Personalmangel, Platzmangel. Nur Mangelwirtschaft. Der Frust saß spürbar tief, wie ich beobachten konnte, auch weil Berliner Erzieherinnen deutlich weniger als der Bundesdurchschnitt verdienen, auch weil die Anforderungen des Landes in Sachen Bildungsmanagement deutlich gestiegen sind (was aber alle als gut bewerteten), auch weil es offenbar keine gesteuerte Landespolitik in Sachen Kitaplatzangebot gibt. Zugelassen sind wohl nach Angaben der Runde gestern berlinweit 140.000 Plätze, real vorhanden jedoch nur 120.000. Das kommt u.a. daher, dass durch die Aufnahme vieler kleinerer Kinder auch die Gruppengrößen eher kleiner sind und das dann einen Platzmangel verursacht. Aber offenbar ist die Fehlsteuerung doch viel größer, wie sonst ist es zu erklären, dass das Land Berlin pro Jahr 1 Milliarde Euro für Kinderbetreuung ausgibt – es aber dennoch viele Stadtteile gibt, aus denen Eltern ‚vertrieben‘ werden weil sie keine Angebote finden? Die gestrige Runde war weit davon entfernt, umsetzbare Lösungsmodelle zu entwickeln – irgendwie fordert es den Mut und den Willen aller Teile der Gesellschaft, hier endlich mal ein solides Fundament zu bauen. Das Geld, die Zeit, den Willen – den wir heute hier aus falschen Prioritäten einsparen, den werden wir alle in der Zukunft nachzahlen. Weil Kinder, die dringend sprachliche oder soziale Kompetenz im Kindergarten erfahren oder lernen sollten, eben dies nicht bekommen und die Probleme dann weiterleben.

Ich bin sehr gespannt, wie die Parteien sich in diesem Punkt zur Abgeordnetenhauswahl aufstellen werden!

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