Journalisten schreiben über Kreuzberg – Teil 1

Künftig werde ich an dieser Stelle Berichte von JournalistInnen kommentieren, die meinen, speziell gerne mal auf Berlin und ganz besonders auf Kreuzberg eindreschen zu müssen.

ja, es geht schöner (Copyright Tibor Hegewisch)

ja, es geht schöner (Copyright Tibor Hegewisch)

Am 17.8. 2011 erschien auf Sueddeutsche Online der Artikel „Berlin, du kannst so hässlich sein“

Der Autor ist der von mir bis zu diesem Zeitpunkt so geschätzte Gustav Seibt.

Was Seibt aber da abliefert, das mochte ich kaum begreifen – am Ende saß ich ziemlich grummelnd vor dem Rechner.

Warum? Seibt prügelt derart auf Berlin ein und betreibt selten-schräge Generalisierungen wie etwa „Autobrände, fremdenfeindliche Aufkleber und linke Blockwarte“ würden einen oder den neuen Ton der Hauptstadt ausmachen. Das ärgert mich, weil es zudem auch noch sagenhaft schlechter Journalismus ist, den ich von der SZ nicht erwartet hätte (es war kein Kommentar).

Seibt wirft in seinem Text alles auf einen verbalen Scheiterhaufen: es sind linke Blockwarte, Überzeugungstäter, Wohlhabende, die vertrieben werden sollen, Zusatzopfer (ein neuer Begriff, er wollte wohl Collateral Damage schreiben, das aber wäre ein kriegerisches Umfeld) und Linksautonome, vor allem aber spießige Grüne, die ärgern ihn wohl besonders, weil sie nicht sofort nach Law & Order brüllen. Ich will gar nicht zu sehr auf die Details des Artikels eingehen, auf den Journalismus mit dem Taschenrechner, auf die Anleihen in London und das Buch „Empört Euch!“ von Stephane Hessel. Nein, ich finde diese Brandstiftungen auch übel und verwerflich und abgesehen davon, erkenne ich darin auck keine politisch-gesellschaftliche Botschaft, das Eigentum anderer Leute zu zerstören.

Nein, was mich auf die Plame gebracht hat, war, dass Herr Seibt meint, den Artikel auf die Grünen als Versteher und Blockwarte zuspitzen zu wollen. Herr Seibt, ich bin kein Blockwart und Ausländerhasser, wenn ich mich über das Hostel nebenan und lärmende Touristen mit Bassverstärker vor meinem Haus ärgere.

Seibt argumentiert, wenn der Grünen-Fraktionsvorsitzende die Anschläge verurteilt, dann tut er dies nach Seibt ‚bemerkenswert scharf‘. Seibt unterstellt hier implizit, dass die Grünen das sonst nicht tun würden, dass sie das aber wegen des Wahlkampfs tun, dass das überhaupt für Herrn Seibt bemerkenswert ist – das ist für mich die vollkommene Frechheit. Die Kandidaten der anderen Parteien reden exakt gleich, Seibt haut aber auf die Grünen drauf, weil Law & Order bei der CDU ja ohnehin verständlich ist, oder wie?

Seibt kommt jetzt in Fahrt und holzt jetzt erst recht weiter, er listet wieder auf, wo wann wie was gebrannt hat, zitiert Blogs, zieht Linien zu Sabotage, redet von der ‚Logik des Terrors‘, gipfelnd darin, dass er schreibt: „ Autobrandstiftungen folgen schon längst der Logik des Terrors, denn sie sollen die Wohlhabenden ja ausdrücklich aus den Gebieten vergraulen, in denen sie nach Meinung linksautonomer Kiezwächter nichts zu suchen haben.“

Wie kommt ein gestandener Journalist zu diesem Ergebnis? Ihm müsste doch klar sein, dass die Brandstifter sich meilenweit von einem politischen Ziel entfernt haben und unter Umständen wir es mit einer Einzel- oder Massentat eines oder mehrerer Pyromanen, Vandalen oder sonstiger Bekloppter zu tun haben.

Für Seibt gibt es nur einen Schluss: hier in Wilmersdorf-Charlottenburg und anderswo beginnt der Kampf gegen das System: „Das hasserfüllte Klima, das sich darin ausdrückt, mag es nicht allein in Berlin […], nirgends aber durchdringt es das Stadtleben in so reichen Abstufungen wie hier. In den Straßen ums Schlesische Tor hängen seit Monaten ausländerfeindliche Aufkleber, die sich gegen Touristen richten, denn die verwandelten abgehängte Problemkieze in Wohlstandszonen und verdrängten billigen Wohnraum. Selbst eingesessene Berliner, deren Outfit nicht den passenden Stallgeruch vermittelt, müssen sich auf der Straße anpöbeln lassen, sie sollten bleiben, wo sie herkämen.“
Bitte? Hasserfülltes Klima? Ausländerfeindliche Aufkleber? Menschen in anderen Outfits müssen sich anpöbeln lassen?
Wo laufen Sie denn bitte herum, Herr Seibt? Zeigen Sie mir bitte mal einen dieser Ausländer-raus-Aufkleber der links-alternativen Szene, zeigen Sie mir bitte Frauen und Männer, die wegen ihres Outfits in BERLIN angepöbelt werden? Bitte: Datum, Uhrzeit, Namen, Ort.

Halt, halt. Wir sind ja noch nicht am Ende des Kernschmelzebeitrags von Herrn Gustav Seibt, der sich vermutlich um seine Eigentumswohnung in einem der genannten Szenekieze (vielleicht Schmargendorf?) sorgt:

„Und hier kommen doch wieder [sic!] die Grünen ins Spiel. Deren Kreuzberger Mandatsträger Dirk Behrendt hat jetzt zum wiederholten Mal die Begrenzung der Zahl von Hotelbetten im Sinne des alternativen Milieuschutzes verlangt – auf welcher gesetzlichen Grundlage, bleibt undeutlich. Im Wahlprogramm der Grünen für Friedrichshain-Kreuzberg wird gefordert, Nachmodernisierungen mit Parkettböden und vollverkachelten Bädern zu unterbinden, damit die Mieten nicht steigen; da solche Sanierungen nicht meldepflichtig sind, seien „die BewohnerInnen aufgerufen, dem Bezirk entsprechende Vorhaben zu melden. Natürlich sind verbürgerlichte Alternative gegen brennende Autos, aber ein paar Blockwartdienste zum Wohl der Volksgemeinschaft im Kiez dürfen schon sein. Die in den Nachwendejahren fast beispiellose Freiheitlichkeit Berlins droht zwischen linksterroristischen Spießern und verschreckten Normalbürgern zerrieben zu werden.“

so sieht Herr Seibt den Fernsehturm

so sieht Herr Seibt den Fernsehturm

Herr Seibt: Ich wette, Sie lassen zehnmal mehr Ihre Beziehungen nach oben spielen, wenn Sie Ärger haben mit einem Hostel neben Ihrer Wohnung, wenn mal wieder die Bäder saniert werden, der Müll in die falsche Tonne geworfen wurde usw. weil Sie das ganz bestimmt nicht locker lässt, wenn das bei Ihnen in der unmittelbaren Umgebung passiert. Und Ihr beinahe infernalisches Fazit, dass die ‚fast beispiellose Freiheitlichkeit Berlins zerrieben‘ wird in Verbindung mit Blockwartdiensten Grüner WählerInnen, ist für mich komplett daneben. Auf Ihre Dramatisierungen, Erklärungen, Deutungen, sinnfreie Zusammenhänge, Faktenfehler, auf all das kann ich als Berliner sehr gerne verzichten. Und auf die SZ auch.

 

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2 Antworten zu Journalisten schreiben über Kreuzberg – Teil 1

  1. notmsparker schreibt:

    Nach Ich den Eintrag oben gelesen habe, habe ich sofort die SZ Ausgabe von Gestern mit dem Text Herrn Seibts aus der Papiertonne (nur Papier, keine Essresten und das in XBerg – erstaunlich!) rausgeholt und gelesen. Deine Antwort und die Kommentaren sind 100% zutreffend. Der Artikel ist sehr persönlich-gefärbt: Übertreibungen und Generalisierung um die dramatische Wirkung des Textes sind im Prinzip erlaubt aber von eine so bekannte Zeitung und einem so (ich bin definitiv kein Fan) scheinbar exzellentem Journalist muß mann einfach ein bisschen mehr erwarten können.
    Dank Herrn Seibt wissen jetzt alle in Deutschland was es in Berlin zu erwarten ist: Sabotage, Anarchie, Terror, Brandstiftung und am Ende wird man noch von hasserfüllten Linksautonomischen Grünen die keine Ausländer oder nachmodernisierte Parkettböden leiden können wegen des fehlendes Stallgeruches angepöbelt. Fabelhaft.

  2. Luise schreibt:

    Und im Übrigen lohnt es sich, sachlich darüber zu diskutieren, ob nicht Berlins von Herrn Seibt so hochgelobte Freiheitlichkeit auch durch zunehmende Marktzwänge und Investorenlogiken bedroht ist. Besser als ein Rumhacken auf Feindbildern wäre doch eine Suche nach politischen Lösungen, um Milieuschutz und das Offenhalten von Freiräumen, die Berlin so attraktiv machen/gemacht haben, mit dem wirtschaftlichen Interessen, demographsischen Wandel und verändertem Tourismusaufkommen zu vereinbaren. Man braucht keine linksautonomoer Spießer, kein verschreckter Normalbürger oder Terrorist zu sein, um bestimmten Entwicklungen mit Besorgnis gegenüberzustehen.

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