Kommentar: Berlins allerdümmste Wahlbroschüre

Gestern Abend habe ich auf dem Sommerfest der Berliner Wirtschaft am Stand der SPD eine Broschüre in die Hand gedrückt bekommen. „Ein Tag in Berlin. Berlin verstehen“. Im ersten Moment dachte ich, hm, schwarz-weiß-Fotos, sphärisch gestaltet, nett gemacht. Die Idee eines Tages im Leben der Stadt zu porträtieren, ist etwas vom RBB/arte-Projekt 24 Stunden Berlin geklaut. Geschenkt.

Sodann blättere ich heute früh beim Frühstück darin herum. Mir fiel dabei nicht nur das Toast aus der hand, sondern die Kinnlade gleich mit auf den Tisch. Die Broschüre beginnt mit „Unser Berlin. Herzlich, schnoddrig, einmalig“. Ok, das mag der alte West-Berliner gerne hören. Die Stadt mit Herz, dufte und knorke – Wahlmatsch der letzten 20 Jahre höre ich im tiefen Hinterstübchen noch klimpern. Aber die so auf Lifestyle und schick getrimmte Schrift  setzt nach einem kursorischen Vorwort von Wowereit alles dran, das Fremdschämen zu einem festen Bestandteil der Wahrnehmung von Politik zu machen. Früher habe ich mich für Politik geärgert, gewütet und gezooft, ob es um den Asylkompromiss ging, Hartz-IV-Politik oder Atomdeal. Heute, mit dieser Broschüre, schäme ich mich. Ganz sicher hat die Klaus Wowereit nicht geschrieben, sonst stünde da nicht drin:

„7:24  … Platz da: Die zukünftigen Ärztinnen und Astronautinnen, Feuerwehrmänne und Journalisten, Popstars und Fotografen, Tischler und Topmodels, Nobelpreisträger und Nachwächter sind auf dem Weg [zur Kita]. Güte, wie viele Astronauten kommen denn bitte aus Berlin und wie viele Nachtwächter bekommt die Stadt denn von den neu geschaffenen 16.000 Kita-Plätzen? Was für eine Peinlichkeit, gerade diese teilweise so prekären Berufsbilder als die Traumjobs der Zukunft zu offenbaren.

Aber: es geht noch weiter. Man sieht Wowereit beim Schulbesuch in Spandau (‚Cool, cooler, Berliner Kids‘), und einer besonders schrägen Textstelle: „Hier wird das Kopftuch farblich passend zum Nagellack getragen“…“und hier hängen die Hosen tiefer als beim Rest der Republik“. Mensch, was für eine Leistung der einst so stolzen SPD!

Der Kracher findet sich aber um 10:32 Uhr. Während wir einen Jürgen auf einer Baustelle sehen, berichtet der Text davon, dass in der Stadt rund um die Uhr gebohrt, gehämmert, geflickt [sic!], gepflastert, geschweißt und gebaut wird. Nun kommts aber mit den Beispielen: „Für immer mehr neue Radwege […], für immer mehr neue Straßen und für immer weniger Flughäfen“. Das leuchtet sowas von ein: wir bauen für weniger Flughäfen. Also, wenn das Werbetexter aus dem Bundesgebiet snd, kann ich sowas verkraften. Sollten die aus Berlin kommen, ist’s schlimmer als peinlich. Die sind wahrscheinlich in Spandau zur Schule gegangen, wo die Hosen ja bekanntlich tiefer hänger als im Rest der Republik.

Es kommen dann noch Beispiele zur Kreativwirtschaft (darauf einen Latte macchiato), eine Feng-Li darf noch eine Currywurst essen (international!!!) und ein ‚Timo‘ darf um 3:43 Uhr den Reigen schließen mit „Berlin, ick liebe Dir“.

Isset nich schön? Wer darin auch nur ein einziges hartes Argument oder eine Perspektive, eine Idee oder Vision gesucht hat, wird enttäuscht sein. Als Berliner, der ich nun seit über drei Jahrzehnten in dieser Stadt lebe, fühle ich mich einfach nur verarscht. Wer in solch ein Heft schreibt „Wer feiern kann, kann auch arbeiten“ (Wowi, ick hör Dir trappsen), der hat von Politik offenbar so viel verstanden wie ein Baggerfahrer vom Deckenstuck sanieren.  Mich hat damit leider keiner überzeugt – von gar nichts. Mir tut es um die Bäume leid, die dafür das Papier gespendet haben. Von Ökologie oder Nachhaltigkeit ist dementsprechend auch gar keine Rede in dem Heft.

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