Ick ahnte es: der Berliner stirbt aus…

dit is Berlin

dit is Berlin

Es schwante mir schon seit längerem. Der durchschnittliche Berliner, der stirbt aus. Der durschnittliche Berliner ist, oh Überraschung, in Berlin jeboren, in Berlin zur Schule gegangen und hat hier (k)eine Arbeit gefunden und wird auch in Berlin das Zeitliche segnen. Aber, schreibt der Tagesspiegel, den durchschnittlichen Berliner, den jibt es kaum noch, die werden hier kaum noch geboren.

Fast typisches Beispiel: icke und meine Familie. Während meine Mutter (Jahrgang 1947), meine Tante (Jahrgang 1937) und noch etliche andere aus meiner Familie alle in Berlin geboren wurden, ist es inzwischen ein Running Gag, wenn im Büro, bei Partys oder woanders die Frage auftaucht: und woher kommst Du? Ich sage dann ‚beinahe Berlin‘. Und ich höre: wie jetzt, ein echter Berliner? Naja, leider nur zur Hälfte. Ich lebe seit meinem zweiten Lebensjahr hier, geboren wurde ich dank meiner entwicklungshelfenden Mutter jwd. Aber irgendwie lebt meine Familie bereits seit 1890 hier (siehe auch http://wrangelstrasse1900.wordpress.com/) und ich bin irgendwie eben soch Berliner, hier groß geworden, hier einen Job gefunden und der Rest wird sich noch zeigen.

Aber was auch stimmt: meine Grundschulfreunde aus’m Tiergarten, meine Freunde vom Gymnasium sind, ebefalls aus’m Tiergarten, die sind, na sagen wir, zu 50 Prozent inzwischen ganz woanders in der Welt gelandet. Denn: Berlin hat für seine Landeskinder nicht genug Studienplätze, nicht genug Stellenangebote und bietet vor allem kaum langfristige Perspektiven. Denn: die angeblich alle so klugen Kinder und Studierenden aus allen anderen Bundesländern müssen und wollen ja alle nach Berlin, wollen ja alle Jobs in Medien, Kunst & Kultur. Nur, wie sagte mir damals eine Freundin: will Du ’nen Job oder Geld verdienen. Sie hatte die Antwort gefunden und verließ die Stadt. Der Rest plagt sich nun mit meist schlecht bezahlten Jobs, Zeitverträgen herum. Lediglich eine einzige Schulfreundin (!) kenne ich, die einen Job im Berliner Landesdienst gefunden hat.

Was mein Berlinsein angeht, weiß ich manchmal nicht mehr, wofür oder besser für wen diese Stadt eigentlich (noch) da ist? Ich fürchte mich davor, irgendwann zu sagen: das war’s dann. Machs jut, Berlin – ich geh dorthin, wo Partyfeiern nicht als politische Vision ausgegeben wird, wo nicht billiger Hype, schlampige Coolness, Lärm um des Krach willens und Rücksichtslosigkeit herrscht (ein Berliner Freund aus alten Tagen, der gerade nach Australien geht, würde nun sagen: na, dann mal viel Spaß beim Suchen – vielleicht wird er eher fündig?).

Aber ehrlich, manchmal denke ich beim S-Bahn fahren: wo ist diese Stadt meiner Kindheit und Jugend hin? Wo sind die liebenswerten Viertel und Ecken hin, die heute von den Touristen und Neu-Berlinern so drastisch verändert werden? Ja, es gibt sie noch – aber viele sind’s nicht. Ich kenne diese Orte meiner Erinnerung genau, ich sehe auch sofort bei Stadtspaziergängen, wo ich mein Berlin noch finde und erlebe. „Schwabylon“, wie ich gestern am Rosenthaler Platz lesen konnt, gehört nicht dazu. Als ich Mitte der 90er Jahre anfing zu studieren, war es unter den zugezogenen Studierenden sowas von angesagt, in total kaputten Altbauwohnungen hinter’m Ostkreuz zu leben. Schon damals wunderte ich mich darüber, dass auf den damals üblichen Adresslisten niemand in Kreuzberg wohnte aber alle nach ‚Prenzlberg‘ oder ‚Friedelhain‘ wollten. Annett Gröschner, mit der ich Ende der 90er Jahre mal ein Interview über den Umbruch in ihrem Kiez führte, sprach ich auf diese sprachliche Verpanschung an. Sie sagte ohne zu zögern: „Ach, Prenzlberg sagen sowieso nur Zugezogene“. Mittlerweile staune ich wieder etwas, denn seit einiger Zeit wird wieder in den Westen gezogen, und zwar nach Friedenau oder Charlottenburg, weil es da im Verhältnis zu den inzwischen mietmäßig kaputten Ost-Stadtteil noch immer Wohnungen gibt, die früher mal teuer waren und es heute nicht mehr sind.

Nun kommt jetzt sicher bald das Argument, Berlin ist nicht, sondern wird immer nur und daher sei es doch kaum verwunderlich, dass es nicht den oder die urtypischen Berliner gibt. Ja, diese Stadt war immer schon Zuzugsort. Gar keine Frage. Aber sie lebte auch wunderbar im Kleinen. Jetzt rauschen hier in die Kieze Leute, die freitags mit Klackklack-Rollkoffern in Schönefeld landen, 72 Stunden feiern und trinken, und danach wieder nach Hause jetten – oder gerne auch im Straßenpanzer durch den Kiez brettern, in der zweiten Reihe parken und bei Beschwerden einem gerne entgegnen: na, kleiner verbiesterter West-Spießer, hockst Du immer noch in Deinem Sektor?

Das alles führt übrigens in Sachen „Berlin verstehen“ bei mir nur noch zu traurigem Achselzucken. Ich denke bei Berlin verstehen vor allem an eine lebenswerte Stadt, die eine Vision braucht – nicht Halluzination.

Nochmal zurück zu mir: unvergessen ist, dass uns in der Grundschule das Berlinern systematisch ausgetrieben wurde. Wer ‚Zwo‘ oder ‚Icke‘ berlinerte, durfte aufstehen und sich vor der Klasse korrigieren. Folge: auf Geburtstagsfeiern berlinern meine Mutter, meine Tante – aber ich rede als käme ich aus dem tiefsten Niedersachsen (das höre ich ab und zu).

Wer das schwarz auf weiß nachlesen will, sollte hier die leicht deprimierende Meldung des Tagesspiegels lesen…

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