Gefunden auf dem Gehweg

Bis vor kurzem behauptete der Lexikoneintrag bei wikipedia und in Reiseführern noch, dass die Bergmannstraße geprägt sei, u.a. von Trödlern. Nun, wer mich und meine Blogs kennt, weiß, dass ich das Feld Trödeln, die Trödler hier im Kiez und die Sammler doch schon genau beobachte.

Gestern nun auf dem leider schon dunklen Rückweg kam ich auf Höhe Bergmannstraße 88, dort wo bald die neue Curry36-Konkurrenz eröffnen wird, an einer Menge Menschen vorbei, die ganz hektisch in zwei roten Containern wühlte. Es flattern Papiere und Zettel, Fotos und Postkarten im wilden Bogen durch die Gegend. Ich wünscht mir meine Kamera herbei und ärgerte mich mal wieder, dass ich eine minimini-Kamera habe – jedoch diese mal wieder zu Hause auf dem Tisch lag. Was also tun, nach Hause gehen und nicht stöbern und dafür Kamera holen? Oder stöbern und dann nach Haus und… Also, keine Frage, ich wühlte auch in den Kisten eines Trödlers, der nach und nach den größen Gulp einfach zum Mitnehmen auf die Straße stellt – wohl offenbar weil er seinen Laden nun endgültig dichtmacht.

Ich fand letztlich nicht wirklich etwas, was nicht schon tausendfach durchwälzt worden war – die Zettel hatten unfassbar viele Risse, das Papier roch unendlich muffig, weiter unten wucherte wunderbarer Schwarzschimmel. Ich ließ also doch schnell davon ab tiefer zu stöbern. Als ich enttäuscht mich gerade wegdrehte, sah ich aber noch ein Blatt auf den Gehweg fliegen und dacht: Gut, das nimmst Du – als Andenken. Und nun, das Teil ist interessant. Es ist eine Kleiderkarte – aber nicht aus der Kriegszeit, wie ich sie mal gesehen habe, sondern aus der unmittelbaren Mangelzeit nach Kriegsende:

Schuhkarte von der Bergmannstraße

Schuhkarte von der Bergmannstraße

Die ‚Textil- und Schuhkarte‘ wurde herausgegeben vom Magistrat Gross-Berlin, jedoch war sie nur gültig im „Amerikanischen, Britischen, Französischen Sektor“. Der oder die Inhaber konnten damit Stoffe und Schuhe in Geschäften bekommen – aber erst nachdem der ‚Magistrat, Abt. f. Wirtschaft‘ die Abschnitte freigegeben hatte. Immerhin fehlen dem zerlumpten Blättchen gute zehn Abschnitte, die wurden ganz sauber ausgeschnitten. Offenbar ging dann die Versorgung aber doch besser voran, sonst wäre der Bogen komplett aufgebraucht worden. Interessant ist auch, dass er nicht für die Bewohner des Oststeils der Stadt galt, die Sektorenversorgung war also schon sehr strikt.

Irgendwie ist das alles in unserer absoluten Konsum- und Warenverschwendungswelt unvorstellbar: der Gedanke, Wäsche heute nur noch nach Aufruf bekommen zu können. Und auch nicht zu wissen, wann es wieder Wäsche geben wird. Erzähl das mal jemandem, der wöchentlich bei Mode-Discountern Berge von Wäsche rausschleppt. Gut, andere Zeiten eben. Genauso wie die Bergmannstraße ja inzwischen nicht mehr die Trödelstraße ist.

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Eine Antwort zu Gefunden auf dem Gehweg

  1. notmsparker schreibt:

    Toller Fund. Sehr interessante Geschichte. Danke.

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