Zwischenruf: „Die Eigenkapitalquote der Geldinstitute ist so hoch wie nie zuvor.“

Zwischenruf: Das Zitat „Die Eigenkapitalquote der Geldinstitute ist so hoch wie nie zuvor.“ habe ich eben aus einem Artikel über die Euro-Banken-Finanzkrise entnommen, die ja nun schon seit 2008 andauert. Das hat alles nichts mit der Bergmannstraße zu tun, beschäftigt mich aber so sehr, dass ich es hier poste – und es am langen Ende eben doch wieder mit der Bergmannstraße zu tun haben wird. Denn während die Eigenkapitalquote der Geldinstitute so hoch ist wie nie zuvor, ist meine Eigenkapitalquote so schlecht wie nie – und das liegt nicht nur daran, dass ich neuerdings in einem Bereich arbeite, der nicht genug  gesellschaftliche Akzeptanz und im Schnitt deutlich höhrere Löhne verdient hätte. Sondern auch daran, dass neben der Inflation immer mehr Leistungen von mir und uns allen aufgebracht werden müssen und dadurch immer schneller die gähnend leere Geldbörse mir entgegen lächelt. Dem Staatshaushalt geht es im Kern auch so – nur mit einem Unterschied: er nimmt Kredite auf Basis unserer gesamtwirtschaftlichen Leistung auf, um erst die Banken vorm Kollaps und nunandere Länder zu retten. Wenn ich das mit meinem schmalen Budget machen würde, würde der Gerichtsvollzieher gar nicht erst kommen, weil ich erst gar keinen ÜberÜberÜberschuldungskredit bekommen hätte.

Ich finde das richtig krass: während Jahr für Jahr der Bevölkerung immer größere uneingepreiste Belastungen in Form von Rettungsfonds aufgelegt werden, sinkt gleichzeitig meine Motivation, das eigene knapp vorhandene oder erarbeitete Geld für irgendetwas auszugeben. Jedes Jahr muss ich mir aber in den Neujahrsansprachen anhören, dass wir konsumieren sollen, damit die Wirtschaft wächst – mein Lohn für meine Arbeit ist aber in all den Jahren, die ich gearbeitet habe, kaum gestiegen. Aber nur so geht das in der kapitalistischen Marktwirtschaft: meinen Lohn spende ich für neue Fernseher (erst analog, dann analog schmal und black und 100 Hz, dann LCD, dann Plasma, dann 3D, bald Touchscreen), Reisen, Jeans und den Kaffee. Das Geld, das ich beispielsweise hier in der Straße lasse, finanziert Jobs vom Koch bis Kaffeemeister, die ja meist auch nicht sonderlich gut bezahlt werden.

Und doch, irgendetwas ist grundschief – und das sage ich, als Kind des Westens. Aufgewachsen in West-Berlin – mit Weihnachtsgeschenken vom PC bis Modelleisenbahn (es waren die fetten 80er Jahre).

Mein Gefühl und ein wenig Wissen sagen mir: Die jetzige Generation von Entscheidern und Wählern verschuldet das Land so immens wie es nie zuvor der Fall war. Und wir finanzieren und dulden derzeit eine Schuldenlage, die nach allem was ich lese, niemals wieder abbezahlt werden wird – dafür wird schon allein der demographische Faktor sorgen. Irgendwann werden es Jahr für Jahr deutlich weniger Einwohner sein, weil es eben gute 20 Jahre und mehr dauert bis sich Generationen wieder um den eigenen Nachwuchs kümmern. Zugegeben, meine Generation schneidet da sehr schlecht ab, weil schlechte Reproduktionsrate. Aber das ist verdammt nochmal auch so, weil ich als Berufstätiger schon jetzt jeden Cent umdrehe und anspare und Jahr für Jahr vollkommen neu kalkulieren muss. Da hilft mir das Familiengehudel der Bundesfamilienminister auch nicht sonderlich.

860.000 Menschen sind letztes Jahr (2010) in Deutschland gestorben, 680.000 geboren. Macht eben ein Minus – und das seit fast zwei Jahrzehnten. Und das leichte Plus an Geborenen in diesem Jahr ist wahrlich noch kein Grund für Jubelruf – nein, eher zeigt der Umgang mit dem leichten Plus, wie sehr wir über unsere Verhältnisse leben. Denn beispielsweise in Berlin hat keiner einen Plan, wie das leichte Plus an Kindern in Kindergärten, Schulen und später an den Universitäten versorgt werden soll.

Und die ganze Dramatik zeigt sich, wer mal in kleinere Städte oder gar Dörfer Ostdeutschlands fährt: da stehen teilweise ganze Blöcke leer, da trifft man teilweise tagsüber niemanden auf der Straße an. Oder man kann auch wie ich auf dem Werbellinsee am Eineitsfeiertagswochenende eine erstaunliche Bootsfahrt machen. 150 Leute auf dem Boot, sagen wir knappe zehn Prozent unter 40 Jahre. Der Rest in Ehren ergraut, fröhlich den Mandelkuchen mampfend während ich 15 Minuten nach einer Saftschorle anstand, weil die einzige Kellnerin mit dem Kuchentragen nicht hinterher kam. Mein Sitzplatz: fensterlos mit Ausblick auf eine an die Wand geklebte DDR-Ferienkarte aus dem Jahr 1989. Dazu die Ansage des Kapitäns: „Und zur linken Seite wurde das Areal an einen dänischen Investor verkauft, und zur rechten Seite entsteht eine Marina…“. 5 Euro habe ich gezahlt, weil ich vorher aussteigen durfte, denn ein Platz an Deck wäre eh nicht mehrverfügbar gewesen.

Wie sagte mein damaliger Dozent für Außenpolitik in meinem Studium: „Egal, wer kommt, egal was kommt: someone has to pay the price“. Und genau das macht mir Sorgen, denn mein schon schwacher Geburtenjahrgang Mitte der 70er Jahre kann ganz bestimmt nicht mit dem mickrigen Gehalt auch nur ansatzweise die eigene Rente PLUS die Verschuldung des Staates irgendwie wieder stabilisieren.

Kürzlich habe ich in einem Interview mit einem Finanzwissenschaftler gelesen, dass allein die Bankenkrise 2008 noch gar nicht genau eingepreise ist. Eingepreist heißt hier: das was an Schulden die Steuerzahler irgendwann mal blechen müssen über marode Straßen, Schulen, geschlossene Bibliotheken und lächerliche Personalschlüssel. Trotzdem, sagte der Finanzwissenschaftler, alles in allem könnten da wohl 100 Milliarden Euro zusammenkommen. Ja, 100.000.000.000 Euro. Nur für die Krise 2008, wohlgemerkt. Und seitdem: Griechenland, Spanien, Italien, Eurocrash, Rezession und und und.

Manchmal denke ich, wir habe noch gar nicht begriffen, was da eigentlich auf uns zurollt. Wir retten die Banken, weil Politik und Gesellschaft Angst haben vor einem Ende mit enormen Schmerzen, beispielsweise einer Währungsreform oder einem Schuldenschnitt, und nehmen dafür billigend in Kauf, uns mit einer Rundum-Pampers auszustatten in der Hoffnung, dass das alles schon irgendwie klappen wird.

So, und nun? Meine Antwort: die Banken bluten lassen. Ich möchte, dass die Banken für zwei Jahrzehnte finanztechnisch so gestellt werden, dass sämtliche Gewinne, die nicht den laufenden Betrieb erhalten, an den Staat abgeführt werden. Ich möchte, dass Bankangestellte ab einem gewissen Lohnniveau eine Lohnabgabe zahlen müssen verbunden mit der Streichung von Boni und anderen Extras. Und wenn konservativ heute nur noch bedeutet, den ausgehöhlten und geplünderten Staat um jeden Preis aufrecht zu erhalten, dann brauche ich auch keine konservative Regierung mehr, Frau Dr. Merkel. Dazu passt auch die Schlagzeile, die ich eben in meinem angestaubten Zeitungsstapel las. SZ vom 18. Juli 2011: „Geplante Steuerreform entlastet vor allem Reiche“. Noch Fragen an Frau Merkel?

Ich habe genug von diesem System, das nach unten (verbal) prügelt und nach oben Bonbons verteilt, wo sich reiche Schichten gegenseitig in Wolle wickeln, wo die Masse der Bevölkerung nur noch brav Steuern zahlt und allen alles egal ist. Wenn der jetzigen Empty-Pocket-Generation mal klar wird, was da alles abgegangen ist, dann sollten die Pensionen aller für den Rettungsfonds oder Reichsteuergeschenke stimmenden Politiker mal eben gepfändet werden. Das wäre doch mal was, oder?

Mehr zum Thema ‚es reicht‘ u.a. hier:

Spiegel online

Süddeutsche Zeitung

Demo am 15.10. in F/M

 

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Eine Antwort zu Zwischenruf: „Die Eigenkapitalquote der Geldinstitute ist so hoch wie nie zuvor.“

  1. notmsparker schreibt:

    Du hast leider völlig Recht. Als Gesellschaft – auch international gesehen – laufen wir hier direkt ins Leere. Und als Sozialistin (nicht nur durch Herkunft aber auch aus Überzeugung:) bin ich überhaupt nicht damit einverstanden, dass jemand der mit meinem Geld herumspielt und sich oft genug verspielt aber noch extra davon profitiert. Gleichzeitig bekomme ich kein Job (Ausländerin, 40, kleine bzw. sehr kleine Kinder, falsche Studia abgeschlossen, in Berlin, etc. etc.), mein Mann kriegt die Überstunden im Krankenhaus wo er meistens die Alkis dieser Stadt retten muss nicht bezahlt und wir zahlen Luxus-Steuer für Windeln und Schnullis. Deswegen betrachte ich diese Heinrich Zille Zeichnungen in der Markthalle nicht als Kuriosum und etwas das der Vergangenheit angehört aber als Warnung.

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