Lost in der Post

Meine jährliche Weihnachstpost-Geschichte beginnt dieses Jahr in der Gneisenaustraße. Eigentlich eher noch einen Schritt davor. Ich musste aus Zeitgründen bei amazon ein Fachlexikon bestellen. Auch wenn ich Kommedia an der Marheinekehalle überaus schätze, aber da ich ohnehin unterwegs war, kaufte ich eben online. Als Versandziel wählte ich die Packstation in der Gneisenaustraße neben der Tanke. Da steht übrigens nicht nur eine knallgelbe Packstation, sondern auch ein sehr eigentümlich blauer Briefkasten für Anwaltspost. Noch immer unterwegs bekam ich dann eine Mail von der Post, dass meine Sendung in der 24/7 Packstation nicht zugestellt werden konnte, weil kein Fach mehr frei gewesen sei. Aha, das ist zwar erst das zweite Mal, dass mir das passiert, aber immerhin stand in der Mail auch, dass ich dieses Mal nicht durch die halbe Stadt in ein ganz anderes Postamt muss, um meine Sendung abzuholen. An sich finde ich die Idee ganz gut mit den Packstationen, sie geht eben genau dann nicht auf, wenn begrenzter Lagerplatz mit trödelnden Kunden aufeinanderprallen.

Heute früh nun, 23. Dezember 2011, war der erste Tag, an dem ich doch Zeit hatte, tagsüber die Postfiliale oben am Marheinekeplatz aufzusuchen. Als ich um kurz nach neun Uhr die Filiale betrat, standen bereits zehn Kunden vor mir.

Es sollte dann doch beträchtlich längern dauern bis ich an der Reihe war. Während vor mir ein extrem nervöser Mensch auf seine PostIdent-Bestätigung wartete und er mich mit seinem Kopfschütteln und von einem Bein auf das andere tänzelnd zunehmend nervte, dahcte ich an meine (West-)Berliner Kindheit im Hansaviertel zurück. Da gab es ein richtiges Postamt in einem der 50er/60er-Jahre so modellmäßig modern errichteten Wohnbauten. Dieses Amt war riesengroß und es hatte irgendwie eine besondere Aura: am Eingang gab es große schwere Glastüren, innen einen gemusterten Steinboden, an den Fenstern Sitzplätze mit Tischen, in denen Telefonbücher aus dem Westen der Republik verstaubten. Und es gab richtige Schalterbereiche. Und zwar einen für die Paketannahme, da war ein grauer Rollladen, der zu bestimmten Zeiten Einblick gab in einen Fuhrpark aus Gitterwagen, eine große Waage stand links auf einem Tresen. An der Seite gegenüber waren die Postschalter – und es waren noch richtige Schalter. Jeder Platz bestand aus einem halbhohen Tresen, einer Schale für das Bargeld, das man für Briefmarken und Post zu bezahlen hatte und darüber war Panzerglas – dickes, grünes und vor allem schweres Panzerglas. Dahinter, so meint meine kindliche Erinnerung, saßen meist männliche Postbeamte, eingekeilt zwischen hohen Regalen und komischen Briefmarkenrollenspendern – und natürlich den Stempeln. Ich weiß das deshlab noch so gut, weil ich einmal im Monta zur Post tigerte und neue Marken kaufen durfte. Der Postmensch nahm sich dann eine komische Sammelmappe und riss die Wunschmarken von einem A4-Bogen. Ab und an ließt ein Postmensch dann eine graue Jalousie herunter und ging. Ständig war das Tackern schwerer Stempel zu hören.

Zurück in die Gegenwart, heute, am 23. Dezember 2011. Ich stehe in einer Schlange, links ein Tresen mit Päckchen im Weihnachtsdesign, rechts ein komplett ausgeräuberter Stand mit 2012er Kalendern, daneben PC-Spiele, Papierablage, wünst durcheinander Grußkarten. Eine krude Mischung aus Post, Postbank, McPaper – alles wild durcheinander. Drei eigentlich immer nette Mitarbeiter hatten gleich heute früh die ganze Palette neuer Dienstleistungen in der Filiale abzuackern:

Kundin 3 wurde am Eingang die Kreditkarte vom Automaten eingezogen. Mühsam erklärte der Postmitarbeiter, warum das geschehen sei und dass er da nun nichts tun könne [letztlich hat den Automaten dann doch aufgeschlossen, nur um zu sagen, dass er ihr die Karte nun aber nicht aushändigen dürfe].

Kundin 4 wollte wie ich Packstationssendungen abholen. Von den zwei umgeleiteten Sendungen war jedoch nur eine in der Filiale angekommen, was nun weder die Kundin noch die Postlerin erfreute, weil letztere sich jetzt anhören durfte wie bescheuert die Post sei.

Kunde 5 wollte seinen Alice-Router jetzt haben, hatte aber weder einen Benachrichtigungszettel noch – wie er freimütig und laut einräumte – seinen Namen am Türschild. Dass das Paket nun an Alice zurückgeschickt wurde, quittierte er ebenfalls mit Kopfschütteln und zornigen Augen.

Kunde 6 war mein Post-Ident-Mensch, der mich immer noch hibbelig machte. Mal abgesehen davon, dass er für seinen Vorgang genausolang und genausoviel Betreuung wollte wie er den anderen mit seiner Hibbeligkeit nicht zugestehen mochte, erinnerte er mich an Herrn Hoppenstedt von Loriot: „ich wohne Bergmannstraße Nummer …“ sagte er überdeutlich, so dass es irgendwie jede/r im Raum hören konnte.

Schließlich war ich dran – mein Paket fand sich unter sehr vielen Packstationssendungen wie die freundliche Dame mir berichtete, leicht kritisch hinzufügend, dass das eben davon komme, wenn man nur einen Automaten aufstelle aber bei amazon für jede/n dieses Versandziel ermögliche: „Dann kann Weihnachten ja kommen“, sagte sie auch noch, lächelte wieder, und: „Haben Sie sonst noch einen Wunsch?“

Danke, nein, Ihnen schöne Feiertage.

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Eine Antwort zu Lost in der Post

  1. Jens Mander schreibt:

    Es geht noch viiiiiieeeeel krasser!!
    Auch ich bin Packstation-189-Gneisenaustr. Geschädigter.
    Die Packstation-Werbung verspricht:
    -24 Std Sendungen abholen
    – keine Wartezeiten.
    na super!
    Meine Päckchen und Pakete konnte ich in den letzten Wochen statt an der Packstation an folgenden Plätzen abholen:
    – Laden mit Postdiensten: Manfred-von Richthofen-Str. 2 – Wartezeit 10 Min
    – Post:Bergmannstr. 72 – Wartezeit 57 Min
    – Post:Hallesches Ufer – Wartezeit 23 Min
    – Packstation: 161 – keine Wartezeit 😉
    – und hier und da an „meiner“ Packstation – auch ohne Wartezeit
    – ach ja und ab und zu auch bei irgend einem Nachbarn

    — Logistic by client — WOW

    Ach leider sind bei meiner Päckchenrally auch 2 Lieferungen verschwunden.
    SCHADE eigentlich. Immerhin hat man mir einen Portogutschein in Höhe von €5,- gut geschrieben. Aufwand an Wege- und Wartezeit: ca 5 Stunden auf 8 Päckchen.

    Wir trauern um einen Service – genannt POST.

    Das jetzige Geschäftsmodell ist geldzockender Schwachsinn und hat mit Service nix mehr zu tun.
    So kommen wir zur neuen Volkswirtschaft:
    Die Abzockwirtschaft mit exponentiellem Wachstum. WOW

    Zocken auch Sie Ihren Nachbarn ab, am Besten zu X-mas, da hat er keine Kraft mehr, sich zu wehren.

    Zum Feste nur das Beste – In diesem Sinne:
    Guten Rutsch – hoffentlich nicht in die Hände der Obermanns, Mehdorns, Grubes, Maschmeyers, eben allen guten Freunden unsere Bundespräsidenten.

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