Das Souterrain boomt im Bergmannkiez

Ich habe das schöne Wetter heute genutzt, um über mich und mein Verhältnis zum Souterrain nachzudenken. Der Grund dafür allein war nicht, dass ich meine früher ablehnende Haltung zum Souterrain allein schon deshalb aufgeben muss, weil ich einen Souterrain-Laden im Bergmannkiez ab 1. März miete.

Nein, der Spaziergang brachte mir eine Erinnerung wieder, die mich mit viel Freude durch die Schulzeit im Tiergarten begleitet hat. Und das kam so. 1988 wurde ich auf die inzwischen (leider) geschlossene Heinrich-von-Kleist-Oberschule in Tiergarten, nahe Moabit, eingeschult. Das stolze Gebäude war ein Bau der 20er-Jahre, strenge Neue Sachlichkeit: aber stets großartig, tolle Funktionsräume wie ein s/w-Fotolabor und noch großartiger – ein knackbunte Mischung von Schülern, deren Eltern in der Türkei, Ukraine, DDR, Libanon, Thailang geboren worden waren und nun mit mir in eine Schulklasse gingen. Und während ich anfangs keine rechte Ahnung hatte, was ich alles nebenbei an einer Schule machen konnte, war alsbald klar: Fotokurs, Schulzeitung, Schulsprecher. Gut, das dauert bis zur letzten Stufe einige Jahre – aber die Schulzeitung, der „Kleister“ war ein Kracher. Gut, nicht jede Ausgabe. Aber viele davon. Der „Kleister“ wiederum wurde in Kreuzberg geboren. In der Souterrain-Druckerei „Eindruck“ am Mehringdamm, ziemlich genau da, wo heute dieser Souterrain-Laden ist:

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Wo sich heute ein indisches Nasenohrstechzentrum auf Höhe der Bushaltestelle befindet, war früher die Druckerei „Eindruck“. Und was für eine: wer die Treppe runterstieg, bekam diesen Eindruck: Geruch schwerer Ölfarben, schwere, schmutzige Druckmaschinen, dunke Wände, Decken, ohrenbetäubender Lärm der Maschinen, die nur für Kundenbesuche kurz angehalten wurden, so dicht war der Abgabeschreibtisch zu den Druckräumen. Und obwohl auch das Team immer etwas schroff auf uns Schülerzeitungsredakteuere wirkte, waren wir doch immer happy, wenn wir eine ‚gesetzte‘ Ausgabe zur Druckerei brachten. Vom Tiergarten nach Kreuzberg – was für eine Reise mit dem für uns wichtigsten Druckwerk, nicht den Zeugnissen, sondern dem „Kleister“. Hard copy-Preis: 1 Mark, machnmal 50 Pfennig. 300er bis 500er Auflage. Was mir bei meinem Spaziergang hierzu auch wieder einfiel, war dass das richtige Scheeren-Kleister-Schnippelarbeit war. Computersatz konnte nur einer aus der Klasse – dank dessen Vater, der an der TU gleich Ingenieure mit heute sicherlich verbotenen CAD-Programmen schulte. Wir jedenfalls hatten immer eine Mappe mit den handgeklebten Kleister-Seiten dabei und wenn wir die dann aus der Druckerei abholten, waren sie manchmal noch warm, so frisch kamen die Blätter aus der Druckpresse. Long ago, leider.

An dieser Stelle ein kurzer Einschub zur Erklärung des Wortes. Ich zitiere hier wikipedia, weil ich es nicht besser kann: „Souterrain (von französisch sous-terrain für ‚unterirdisch‘) oder Tiefparterre ist ein Synonym für das Untergeschoss oder auch Kellergeschoss eines Gebäudes, da dieses Geschoss (mit seinem Fußboden) unterhalb der Erdoberfläche auf der Seite der Straßenfassade liegt. Oft liegt das Souterrain nur halb unter der Erdoberfläche und kann dann auch befenstert sein. Das darüberliegende Geschoss liegt dann als Hochparterre ein halbes Geschoss über der Erdoberfläche. […usw…]“.

Zeit also, zu schauen, wie es heute um das Souterrain im Bergmannkiez steht. Kurzum: gut, mit Ausnahme vielleicht dieses Standorts:

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Doch offenbar sind Souterrains eine ideale Startbasis, um mal zu gucken, ob die Geschäfts- oder manchmal sogar auch Wohnidee hier im Kiez funktionieren kann. Beispiele gibt es viele.

Am oberen Ende der Bergmannstraße gibt es einige Souterrain-Läden, die funktionieren (die Take away-Pizzeria), der kleinste Trödelladen Berlins oder nicht (Cartillione für Männer). Aber in den Seitenstraßen bieten die Souterrains Platz für neue Geschäftsideen. Wenn diese Räume saniert sind, müssen sie nicht zwangsläufig feucht oder muffig sein. Mein Lieblingströdler in der Nositzstr. (Möbel Ranja) beispielsweise zog mehrfach zwischen den Souterrains um – gab dann zwar auf aber der Laden blieb nie lang leerstehend. Anders als in manchen Stadtteilen und selbst auch in der Bergmannstraße sind bei Sanierungen die Souterrains erhalten geblieben, und bieten Platz für neue Läden, etwa diesen jüngst eröffneten Modeshop:

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Oder Needles & Pins

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Als Wohnraum genutzte Souterrains habe ich nicht gesehen, obwohl ich mir manchmal morgens Blickduelle mit einer Katze hinter einem Souterrainfenster liefere. Dass das Leben trotz Verkehrs und Straßenstaub in einerm Souterrain nicht unmöglich ist, zeigen auch die Touristen einer Ferienwohnung. 

Schlussendlich: ich werde bald sehen wie sich mein Souterrain entwickelt…

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5 Antworten zu Das Souterrain boomt im Bergmannkiez

  1. Pingback: Trödeln, Bummeln, Kreuzberger Kieze gucken : BerlinFreckles

  2. Pingback: kartique goes local – Tag 1 | Leuchtbuchstaben für alle

  3. grossbeerenstrasse schreibt:

    Hallo, wir mittiggelegenen Grossbeerener haben auch ein Souterrain mit bewegter Geschichte im Haus:
    Lehmstampfboden für Kartoffeln und Kohlen, ein Trödler, eine Vereinsbüro, langer Leerstand mit inoffizieller Schwammerlnzucht (leider keine eßbaren dabei), Schneiderei, „Trockenlegung“, Ferienwohnung, Büroraum, aber…
    morgentliche Blickduelle mit Katze : Fehlanzeige: Leider !
    Ein wirklich nett geschriebene Geschichte, Danke

  4. K. Will schreibt:

    Hallo, die Druckerei EinDruck befand sich nicht im Laden von NATRAJ, sondern links daneben. Heute ein Laden für Sportnahrung. Das muss ich wissen, da ich EinDruck bis zum Schluß betrieben haben. Der Kleister ist mir, wie viele andere Schülerzeitung noch gut bekannt.
    Liebe Grüße aus Tirol, von einem ehemaligen Kreuzberger.

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